(von Stephan Reber MdL a. D., 2025)
Es war ein schöner Herbsttag. Die Blätter an den Bäumen am Elbufer leuchteten gelb bis dunkelrot. Die Sonne stand tief und ich musste blinzeln als ich von der Albertbrücke entlang des linken Elbufers in Richtung des grauen Gebäudes blickte, das 1931 als Landesfinanzamt errichtet wurde. Von 1946 bis 1990 war dort der Sitz der Stadt- und Bezirksleitung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Es war für mich ein bewegender Augenblick, als ich mich, in Gedanken versunken, an einer kleinen Parkanlage auf eine Bank setzte.
In meinem 40jährigen Leben ergab sich für mich noch nie die Notwendigkeit ein Gebäude der Staats- und Parteiführung der ehemaligen DDR zu betreten.
Ich studierte einst Polygraphische Technik und Ökonomie und schaffte es bis zum Betriebsleiter der Druckwerkstätten Stollberg. Das Unternehmen war im Besitz der Ost-CDU, ein etwas anderer „volkseigener“ Betrieb. Wir stellten Bücher her, die auch im „nichtsozialistischen“ Ausland gelesen wurden. Meine Mitarbeiter waren stolz auf unsere Produkte und ich war stolz auf meine Mitarbeiter.
Es gab so etwas, was viele heute in der Arbeitswelt vermissen – Teamgeist, gegenseitige Unterstützung, ja sogar Freundschaften. Einer konnte sich auf den Anderen verlassen. Nur der Dienstag und der Donnerstag waren schwierige Tage. Dienstags gab’s im sozialistischen Einzelhandel frische Tomaten oder anderes regionales Gemüse und am Donnerstag gab’s Fleisch. Da waren die Mitarbeiter nicht mehr am Arbeitsplatz zu halten.
„Parteilehrjahr“ war auch für mich ein bekanntes Wort. Den Inhalt einer solchen Veranstaltung lernte ich aber nie kennen. Vielleicht fiel mir gerade deshalb sehr frühzeitig auf, dass ein Unternehmen nicht dauerhaft existieren kann, wenn die Herstellungskosten für ein Buch 24 Mark betragen, dass Buch aber nur für die Hälfte der Kosten verkauft werden darf. Die Logik der Mathematik lässt sich nicht mit Parteitagsbeschlüssen überlisten. Die Errungenschaften der DDR waren auf Pump finanziert. Zur Staatspleite gab es nun, nach 40 Jahren, keine Alternative mehr.
Das laute Tuten eines vorbeifahrenden Elbdampfers riss mich aus meinen Gedanken. Die Sonne war inzwischen im Fluss untergegangen. So wie dieses Land DDR untergegangen war. Aber morgen wird sie wieder über der Ruine der Frauenkirche aufgehen. Ein neuer Tag wird beginnen und sie wird auf ein neues Land scheinen, das jetzt wieder Sachsen heißt.
Die CDU hatte am 14. Oktober 1990 mit 53,82 % die Landtagswahlen Haus hoch gewonnen. Ich erzielte in meinem Wahlkreis, gegen starke Konkurrenz, 47,7 %. Die SPD landete ab-geschlagen mit 17,8 % auf dem 2. Platz. Kleinster Vertreter war mit 5,25 % die Drei-Punkte-Partei F.D.P.
Irgendwo dazwischen lagen die PDS und Bündnis 90/Grüne denen sich weitere, zumeist linke Gruppen angeschlossen hatten.
Nun sollte ich in diesem grauen Gebäude mit der unrühmlichen Geschichte für 4 Jahre ein Büro erhalten, mich schnell in die verschiedenen Sachgebiete der Landespolitik einarbeiten um das wiedergegründete Bundesland Sachsen mit gestalten zu können.
Meine verstorbenen Eltern wären sicher stolz auf mich. Aber sie hätten sich auch, wie so oft, Sorgen gemacht, weil sie nur schwer einschätzen konnten, was nun auf ihren Sohn zukommen würde. Sie waren einfache aber ehrliche Leute, die im Leben hart arbeiten mussten um einen bescheidenen Lebensstandard zu erwirtschaften. Und sie standen oft in ihrem Leben, so wie jetzt ich, vor einem neuen Anfang. Vater bereits nach dem Ersten und dann wieder nach dem Zweiten Weltkrieg. Und Mutter ebenso. Mir fällt auf, dass wir nie über diese schwierigen Zeiten gesprochen haben.
Wie haben sie die Weltwirtschaftskrise erlebt? Wie erging es Vater nach seiner Kriegsverletzung, 10 Tage vor Ende des 1. Weltkrieges, die ihn vor der Teilnahme am 2.Weltkrieg und damit vielleicht das Leben rettete. Hatte er Angst vor der Spanischen Grippe, der folgenschwersten Pandemie des 20.Jahrhunderts. Hätte er sich impfen lassen, wenn damals die medizinische Forschung schon in der Lage gewesen wäre, einen Impfstoff zu entwickeln. Wie erlebten sie den Neuanfang in einem geteilten Deutschland? Wie lernten sie sich überhaupt kennen, auf den unterschiedlichen Wegen, die sie vorher gegangen waren?
Ich hätte jetzt gern Antworten auf diese Fragen, die ich ihnen nie gestellt hatte.
Sie verstanden es offensichtlich sehr gut ihre Sorgen und Ängste zu verbergen und schenkten mir so eine behütete und schöne Kindheit. Ich war der letzte gemeinsame Mittelpunkt ihres Lebens.
In diesem denkwürdigen Tag musste ich an die Worte meiner Mutter denken, die sie mir auf unserer Bank unter dem alten Apfelbaum, auf der wir uns oft nach der Gartenarbeit ausruhten, sagte: „Wenn du fleißig und ehrgeizig bist, kannst du viel im Leben erreichen. Aber du musst ehrlich bleiben, sonst liegt da kein Segen auf dem Erreichten“.
Es waren fast ihre letzten Worte. Und ich muss immer an diese Worte denken, wenn wieder ein neuer Abschnitt im Leben für mich beginnt. So war es auch diesmal.
Etwas nervös aber stolz, schließlich hatten wir die Wahl gewonnen, ging ich etwas später durch die Glastür und die breiten Treppenstufen hinauf in den größten Saal des Gebäudes, aus dem mir lebhafte und heitere Gesprächsfetzen entgegenhallten. Bis auf wenige Ausnahmen kannte ich die meisten meiner Fraktionskollegen bereits und wir begrüßten uns mit dem Selbstbewusstsein, als hätten wir bereits große Aufgaben für den Wiederaufbau des Bundeslandes Sachsen geleistet. Dabei standen wir erst ganz am Anfang und keiner wusste eigentlich so recht, was nun zu tun sei.
Plötzlich wurde es still, die lauten Diskussionen verstummten und gingen in ein rhythmisches
Klatschen über. Prof. Kurt Biedenkopf, unser erfolgreicher Spitzenkandidat, betrat den Raum, gefolgt von einigen Herren, die mir unbekannt waren. Einige von uns stimmten wieder den Hit von Frank Zander „Jetzt kommt Kurt“, an, der bereits am Abend vorher zur Wahlparty durch das Festzelt hallte. Nach dem Einmarsch der Sieger nahmen alle an den langen zusammengestellten Tischreihen platz und verfolgten gespannt die erste Grundsatzrede unseres künftigen Sächsischen Ministerpräsidenten.
Ich konnte mich nicht richtig konzentrieren. Meine Blicke schweiften durch den Raum. Die Wände waren neu und weiß gestrichen. Vereinzelt konnte man unter dem Weiß noch graue rechteckige Flächen erkennen. Dort hingen sicherlich einmal die Bilder der Partei- und Staatsführung der SED. In der Mitte, an der Stirnseite des Raumes, entdeckte ich eine besonders große graue Fläche. Das muss Erich Honeckers Platz gewesen sein. Jetzt führte nur noch eine graue Fläche einen vergeblichen Kampf gegen eine weiße Wand. Und es wird ihr nicht gelingen wieder an die Oberfläche zu kommen. Ich hatte ein gutes Gefühl bei meinen Gedankenspielen. Aber nur einmal das Grau mit Weiß zu überstreichen reicht eben auch nicht. Der Maler muss da schon besser arbeiten.
Wir müssen besser arbeiten, wenn wir die graue Geschichte der DDR verschwinden lassen und Platz für blühende Landschaften schaffen wollen.
Inzwischen hatte Prof. Kurt Biedenkopf seine Rede beendet. Wieder gab es viel Beifall. Auch ich klatschte kräftig mit und schämte mich gleichzeitig dabei, denn ich hatte eigentlich nicht zugehört. Das muss ich ändern, war mein erstes Ziel. Den Anderen zuhören, auch wenn das nicht immer leicht ist.
Am gleichen Tag begann die organisatorische Arbeit in der CDU-Fraktion. Ich wurde zum Arbeitskreisleiter für Haushalt und Finanzen gewählt und wir von der CDU hatten im Haushalt- und Finanzausschuss des neu gewählten Sächsischen Landtages die absolute Mehrheit. Was für eine Machtposition! Der Aufbau des Freistaates Sachsen konnte beginnen.
Kurze Zeit später wurde ich in den Medien bereits als „CDU Finanzexperte“ bezeichnet. Eigentlich hatte ich von der Aufstellung eines Haushaltes, von Kreditgeschäften und Steuern unter marktwirtschaftlichen Bedingungen keine ausreichenden Kenntnisse.
Fast zur gleichen Zeit erfuhr ich, dass mein Studium für Ökonomie im wiedervereinten Deutschland keine Anerkennung fand. Dabei konnte ich sehr gut erklären warum der Sozialismus ökonomisch gescheitert war. Offensichtlich konnte ich aber damit, vor allem bei meinen Politikerkollegen aus den alten Bundesländern, wenig Interesse wecken. Oder war dies einfach nur Naivität oder gar Strategie der Sieger im Wettbewerb der unterschiedlichen ökonomischen Systeme? Aber auch die meisten Sachsen interessierten sich nur wenig für dieses Thema. Sie waren einfach nur froh, dass es mit dem Sozialismus endlich vorbei war. Wir hatten die Freiheit erkämpft. Und Freiheit, das war vor allem Reisefreiheit. Endlich die Länder sehen, von denen wir schon fast nicht mehr träumen konnten.
Ich musste an meine Mutter und ihre letzten Worte denken. Fleißig und ehrgeizig sollte ich sein. Und ehrlich bleiben sollte ich auch. Passt das überhaupt zusammen in der Politik?
Mein neues Leben im wiedervereinten Deutschland in einer Demokratie und sozialer Marktwirtschaft begann mit Widersprüchen und Selbstzweifel.
Da wurde mir bewusst, zuhören ist wichtig in einer Demokratie, aber das reicht nicht aus. Es gehört mehr dazu. Dazu gehört vor allem Respekt. Respekt kann nur mit Kompetenz und eigener Leistung eingefordert werden. Das sind weitere Komponenten in einer funktionierenden Demokratie. Und erst der Abgleich unterschiedlicher Positionen und Perspektiven macht gemeinsame Lernprozesse möglich und treibt in einer sozialen Marktwirtschaft die ökonomische Entwicklung voran. Dafür brauchen wir die Freiheit. Freiheit, die wir erst noch lernen müssen.
Ich habe am Abend dieses Tages noch lange von den Elbterrassen, bei einem guten Glas Sächsischen Wein, auf die Lichter der vorbeifahrenden Dampfer geschaut. Das war beruhigend und aufregend zugleich. Und ich wusste, mein neues Leben hatte jetzt begonnen.